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Atelier R. Schwarz - Kunstmaler Ricardo Schwarz

abstrakte Malerei, Ausstellungen und Kurse

Mail: atelierrschwarz@gmx.de / Mobil: 015787140199 Atelier: Leisniger Str. 24, 01127 Dresden

Dienstag 03. November 2015                                                                           Von musikalischen Ratten, viel Beifall und einer untergehenden Insel...

Vor 3 Wochen war ich auf der Vernissage eine lieben Freundin in der Stadtmission der Diakonie Dresden Neustadt... Das Thema war die Insel Murano und es wurde ein venezianischer Abend abgehalten. Unter anderem wurde diese wunderschöne Geschichte zum Besten gegeben, die ich gern mit Euch teilen möchte, vielleicht teilt ihr ja diesen Humor...:

Versunkene Insel

Die Insel hatte sich die Marchesa einige Kilometer südöstlich von Murano aufschütten lassen, einer plötzlichen Eingebung folgend, denn sie verabscheute das Festland - sie sagte es, es sei ihrem seelischen Gleichgewicht schädlich - und unter dem bereits vorhandenem Betsand an Inseln hatte sie leine Wahl treffen können, zumal der Gedanke, sie mit jemandem teilen zu müssen, ihr unterträglich war. Hier nun residierte sie und widmete ihr Leben der Erhaltung des Altbewährten und der Erweckung des Vergessenen oder, wie sie es auszudrücken beliebte, der Pflege des Echten und Bleibenden.

Auf der Einladungskarte war die Gesellschaft um acht Uhr angesetzt, aber die Gäste wurden nicht vor zehn Uhr erwartet. Überdies erforderte des die Sitte, dass man in Gondeln kam. Auf diese Weise dauerte die Überfahrt zwar beinahe zwei Stunden, war zudem bei bewegtem Seegang beschwerlich, wenn nicht gar gefährlich - und in der Tat hatte schon mancher Gast sein Ziel nicht erreicht, dafür ein Seemannsgrab gefunden - aber nur ein Barbar hätte an diesen ungeschriebenen Stilregeln gerüttelt, und Barbaren wurden niemals eingeladen. Ein Kandidat, dessen allgemeiner Habitus auch nur die geringste Scheu vor den Tücken einer solchen Überfahrt verraten hätte, wäre niemals in die Gästeliste aufgenommen worden. Es erübrigt sich zu sagen, dass sich die Marchesa in mir nicht getäuscht hatte, - wenn ich auch am Ende des Abends, in ihren Augen versagt haben mag. Diese Enttäuschung indessen hat sie nur um wenige Minuten überlebt, und das tröstet mich (...)

Nachdem man eine Erfrischung in Form von Champagner und deliziösen Krustazeen zu sich genommen hatte, begab man sich in den Silbersaal, denn nun kam der Höhepunkt des Abends, eine Darbietung besonderer Art: die Erstaufführung zweier Flötensonaten des Antonio Giambattista Blcoh, eines Zeitgenossen und Freundes Rameaus, den der Musikforscher Weltiti - er war natürlich auch zugegen - entdeckt hatte (...)

Während des zweiten Satzes der f-Moll-Sonate sah ich eine Ratte an der Wand entlang huschen. Das erstaunte mich. Zuerst dachte ich das Flötenspiel habe sie angelockt, denn Ratten sind bekanntlich sehr musikalisch, aber sie huschte in der entgegengesetzten Richtung, floh also der Musik. Ihr folgte eine zweite. Ich sah auf die anderen Gäste. Sie hatten nichts bemerkt, zumal die meisten die Augen geschlossen hielten, um sich in seliger Entspannung den Klängen der Weltlichen Fälschung hingeben zu können. Nun vernahm ich ein dumpfes Rollen, es klang wie sehr fernes Donnern. Der Fußboden vibrierte. Wieder sah ich auf die Gäste. Wenn sie etwas hörten - und irgend etwas mussten wohl auch sie wahrnehmen - war aus aus den Posen beinahe formloser Versunkenheit jedenfalls nicht ersichtlich. Mich aber beunruhigten diese merkwürdigen Symptome. Ein Diener trat leise ein. Dass er in der vornehmen, streng geschnürten Livree, die das gesamte Personal der Marchesa trug, wie eine Nebenrolle aus “Tosca” aussah, gehört nicht hierher. Auf Zehenspitzen hüpfte er auf die Vortragenden zu und flüsterte der Marches etwas ins Ohr. Ich sah sie erblassen - es war recht kleidsam im matten Kerzenlicht, beinahe hätte man denken mögen. es sei in das Zeremoniell liebevoll eingeplant. - aber sie fasste sich und führte gelassen das Andante zu Ende, ohne ihr Spiel zu unterbrechen, schein sogar die Endfermate noch um einiges zu verlängern. Dann gab sie den Flötisten einen Wink, stand auf und wandte sich an die Zuhörer. “ Meine verehrten Gäste”, sagte sie, “ wie ich soeben erfahre, lösen sich die Fundamente der Insel und damit des Palastes. Die Meerestiefbaubehörden sind benachrichtigt. Ich glaube jedoch, dass es in unsere aller Sinne ist, wenn wir mit der Musik fortfahren.” Ihre würdevollen Worte wurden mit lautlosen Gesten der Zustimmung belohnt (...)

Auf dem Parkett bildeten sich kleine Pfützen. Das Rollen hatte zugenommen und klang näher. Die meisten Gäste hatten sich inzwischen aufgerichtet, und mit ihren bei Kerzenbeleuchtung aschfahlen Gesichtern, saßen sie wie in geduldiger Erwartung eines Bildners, der sie in Posen letzter, euphorischer Fassung für die bewundernde Nachwelt verewigen werde. Ich aber stand auf und sagte “ich gehe”, leise genug, um die Musiker nicht zu verletzen, aber laut genug, um den anderen Gästen zu bedeuten, dass ich mutig genug war, mein plötzlich wachgewordenes Gefühl der Distanz einzugestehen. (...) Ich band die letze Gondel los, die das fliehende Personal übriggelassen hatte, und stach in See.  Durch die Fenster, an denen ich vorbeiruderte, stürzten nun die Fluten in den Palast und blähten die Portieren, nassen Segeln gleich. Ich sah, dass sich die Gäste von den Sitzen erhoben hatten. Die Sonate musste zu ende sein, denn sie klatschten Beifall, zu welchem Zwecke sie die Hände hoch über den Köpfen hielten, denn das Wasser stand ihnen bis zum Kinn. Mit würde nahmen die Marchesa und Monsieur Béranger den Beifall auf. Verbeugen konnten sie sich aller unter den Umständen nicht.

Nun erreichte das Wasser die Kerzen. Sie verloschen langsam, und mit zunehmender Dunkelheit wurde es still; der Beifall erlosch und verstummte, wie auf ein schreckliches Zeichen. Plötzlich setzte das Getöse eines zusammenstürzenden Gebäudes ein, der Palazzo fiel. Ich lenkte die Gondel seewärts, um nicht von herabfallendem Stuck getroffen zu werden. Es ist sehr mühsam, ihn aus den Kleidern bürsten zu müssen, hat sich der Staub einmal festgesetzt. Nachdem ich einige hundert meter durch die Lagune in Richtung der Insel San Giorgio hin gerudert war, drehte ich mich noch einmal um. Das Meer lag im Mondlicht spiegelglatt, als habe es niemals irgendwo eine Insel gegeben.

(Wolfgang Hildesheimer (geb. 1916) - dtv Reisetextbuch Venedig

(c) Ricardo Schwarz, Leisniger Str. 24, 01127 Dresden, AtelierRSchwarz@gmx.de Tel.: 0351 - 65330471 Mobil: 015787140199